Reset me: Menschsein – hä, wie jetzt noch mal?

Jeden Dienstag gehe ich ins Pflegeheim und betreue dort zwei Patienten mit Demenz. Peter und Ingeborg. Schon wenn ich das Heim betrete atme ich immer ganz tief auf, weil ich weiß, dass ich mich gleich noch besser fühlen werde. Auch wenn ich Dienstags manchmal ein bisschen durchhänge, da die Wochenenden für mich oft erst Sonntags losgehen, weiß ich: mir wird vergeben. Hier kann ich sein, der ich bin. Hier kann ich mich entschleunigen, muss nicht sofort Antworten liefern, da ich von ihnen auch keine mehr erwarten kann. Bei keiner anderen Tätigkeit bekomme ich so viel Dankbarkeit zurück, wie bei der Arbeit mit Menschen mit Demenz.

Ingeborg lese ich immer Märchen vor, das liebt sie. Auch wenn sie mich oft nicht versteht, egal – es geht um den gemeinsamen Moment. Manchmal singe ich auch alte Volkslieder mit ihr, denn die Texte mögen wir beide sehr gern. Und in ganz besonderen Momenten sage ich ihr ein Liebesgedicht auf und reiche ihr eine rote Rose dazu. Peter hingegen kann kaum noch über Worte kommunizieren. Mit ihm kommuniziere ich auf eine andere Art. Und zwar über Berührungen. Während ich ihm die Hände oder den Bauch mit Lavendelöl massiere, strahlt er mich immer ganz glückselig an. Irgendwie fühlt es sich jedes mal danach an wie so´n „Reset“. Als ob mein Ego entgiftet und gereinigt wird. Denn wenn ich mich um andere Menschen kümmere und mich wirklich für sie interessiere und ihnen Gutes tue, dann kümmere ich mich wenigstens nicht den ganzen Tag nur um mich und meine Gedanken. Natürlich ist das auch wichtig, aber es erfüllt mich einfach für andere da zu sein.

„Es lehrt mich das Fühlen und bringt mich somit weg vom ständigen Denken.“

Je mehr Mitgefühl ich entwickle, desto mehr stärke ich es zu mir selbst, kann mir selbst vergeben, bin nicht so streng zu mir und kann über meine kleinen Fehler lachen. Sich in eine Person einzufühlen bedeutet, sie wertzuschätzen, zu akzeptieren, sie so anzunehmen wie sie wirklich ist. Ohne sie nach einem Bild zu urteilen, was ich mir mit meinen Gedanken erschaffen habe. Auch mir passiert das hin und wieder mal, dass ich Menschen, die anders leben als ich bewerte. Aber es ist ok, weil ich es immer besser erkenne. Und es ist ok, weil ich weiß wo ich hin will im Leben. Ich möchte wieder mehr Mensch sein. Ich möchte meine Gefühle ausdrücken – ohne mich dabei schlecht, schwach oder uncool zu fühlen. Denn je mehr ich meine Gefühle rauslasse und nicht runterschlucke, desto frei fühle ich mich. Ich möchte sein, der ich bin. Ich möchte auch den Anderen sein lassen, der er ist. Ich möchte mich für MEINE Schwächen interessieren – auf mich schauen, statt auf die Schwächen meines Gegenübers.

Ich möchte noch mehr lernen mit mir selbst sein zu können. Denn je mehr ich das kann, desto mehr stärke ich die Liebe zu mir. Und desto fähiger bin ich zu wirklich tiefer, bedingungsloser und ehrlicher Liebe zu einem anderen Menschen. Ich möchte andere Menschen verstehen, ich möchte ihnen alles von Herzen gönnen, auch wenn es vielleicht in einem Augenblick nicht meinen Wünschen entspricht. Ich möchte noch mehr fühlen, was der andere fühlt. Ich möchte wieder lernen mehr zuzuhören, statt in meinem Gedanken schon beim nächsten Thema zu sein – bei meinem Thema. Ich mag es mich mit Menschen zu treffen, statt meinen Feierabend vor dem Fernseher zu verbringen, gemeinsam mit ihnen essen zu gehen, neue Restaurants auszuprobieren.

„Es fasziniert mich Ihre Geschichte zu hören und von ihnen zu lernen.“

Ich möchte keine Trennung mehr schaffen zwischen Menschen, weil sie anders leben als ich. Auch wenn ich vieles aus meiner Perspektive nicht für richtig empfinde. Ich möchte noch toleranter sein. Ich möchte nicht an einen bestimmten Gott glauben oder nach einem bestimmten Konzept leben, so wie es mir einst gelehrt wurde. Denn der Glaube an unterschiedliche Götter brachten der Welt so viel Unheil und Trennung untereinander. Ich weiß nicht was wirklich wahr ist, denn ich kenne die Wahrheit nicht. Kennst Du sie?

Ich möchte an die bedingungslose Liebe glauben. Ich möchte sündigen. Ich möchte frei sein, wild sein, auf gefährlichem Fuß leben, meine Erfahrungen selber machen – auch wenn ich mich dabei verbrenne. Ich möchte mich nicht schlecht fühlen dabei, weil es sich vielleicht nicht gehört oder gar verboten ist. Ich möchte wieder mehr den Gesetzmäßigkeiten der Natur folgen, statt nach Vorschriften oder Gesetzen zu leben, die von Menschen gemacht wurden. Ich möchte meine Gabe zur Intuition wieder entdecken und wieder zu meinem Kern, meinem Herzenszentrum kommen und DAMIT Entscheidungen treffen, statt mit meinem Verstand.

„Ich möchte meinen Glauben wieder finden. Einen Glauben, der auf Vertrauen basiert.“

Ich möchte eine neue Realität, die auf Positivität, auf Mitgefühl, auf Kreativität, auf Zärtlichkeit und Leidenschaft, auf bedingungsloser Liebe und auf Freiheit basiert, statt auf Sorge, Hass, Wut, Angst, Zweifel oder Skepsis. Ich möchte ALLES dafür geben ewig Kind zu bleiben und dabei so herrlich naiv sein. Ich möchte nie aufhören zu träumen, in einer Phantasiewelt zu leben und an den Idealismus zu glauben. Und wenn ich das mal nicht mehr tun sollte, dann wünschte ich, dass meine Freunde mich daran erinnern, statt mich ständig daran zu erinnern, dass ich nicht in der Realität lebe und anders denken sollte – so wie sie.

Ich möchte nicht mit 60 an einer Demenz erkranken oder an einem Diabetes oder an einem Herzinfarkt, weil ich mein ganzes Leben so hart geschuftet habe um die nötige Anerkennung zu bekommen. Ich möchte aufhören zu essen, wenn ich satt bin, möchte mich gut ernähren, da es mir Kraft und Power schenkt und mich gesund hält. Ich möchte noch mehr „in Shape“ sein, da es sexy ist knackig zu sein und es mir noch mehr Glücksgefühle beschert.

„Ja, ich möchte sogar perfekt sein. So wie es einst von Mutter Natur für mich vorgesehen war.“

Ich möchte meinen Geist noch mehr entgiften – mit jedem negativem Gedanken, den ich über mich oder über andere habe. Ich möchte JEDEN Menschen neutral betrachten, ohne mir ein Urteil über ihn zu bilden, denn desto weniger bilde ich mir ein Urteil über mich. Ich möchte viel öfter Menschen auf der Straße einfach so anlächeln oder ihnen ein freundliches “Hallo“ entgegenbringen. Ich möchte mehr in der Natur sein, statt in einer Wohnung, denn es erdet mich. Ich möchte mich noch mehr „resetten“, neu anfangen und neue Wege erkunden, als die die ich bereits kenne. Auch wenn ich dabei vieles riskiere, aber ich weiß eins dabei: ich möchte wieder Mensch sein… ich möchte zurück – zurück zur Menschlichkeit.

Bis bald,

Deine Carolin

PS: Hier ein kleines Video von mir. Es geht um Annehmen & loslassen, um die 4 „R´s“ – Respect – Realise – Release – Relax

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